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Traum und Wahrheit
Eigentlich wollten wir nach unserer Hochzeit erst einmal das Leben zu zweit genießen, aber plötzlich sahen wir nur noch Kinderwagen und glückliche, junge Familien. Der Wunsch nach einem Kind wuchs und entgegen der Hinweise in der Fachliteratur war ich auch umgehend schwanger. Die Welt lag rosarot vor mir. Ich sah mich im Geiste schon zu dritt am liebsten mit einem hübschen Mädchen Sonntags durch den Park spazieren. Meine Tochter sieht süß aus, ist liebenswert und schon mit 2 Jahren ausgesprochen höflich. Ich sehe uns in einem gemütlich eingerichteten, pieksauberen und aufgeräumten Haus Marke „Schöner Wohnen“. Wir spielen gemeinsam Mensch-ärgere-dich-nicht und es ärgert sich tatsächlich niemand, sondern wir lachen und haben viel Spaß dabei. Es stehen wunderschöne Pflanzen herum, von denen keine ein Blatt verliert. Die Sonne spiegelt sich im fleckfreien Fußboden und in einer Ecke der Couch sitzt, liebevoll auf ein Kissen drapiert, der Lieblingsteddy meiner Tochter. Und die Krönung diese Traums war schließlich die Geburt meiner Tochter, der Moment, als mir dieses weiche, warme Bündel auf den Bauch gelegt wurde. Heute, 5 Jahre später, geht dieses Bündel mir bis zur Hüfte und seine Temperatur schwankt zwischen eiskalt und siedend heiß. Ich finde meine Tochter süß und liebenswert, wage aber kein Urteil über die Meinung anderer abzugeben, und höflich würde selbst ich sie nicht nennen. Die meisten unserer Pflanzen fristen wegen Vernachlässigung ein kümmerliches Dasein keine erreicht Kindergartenalter! - , der Lieblingsteddy meiner Tochter liegt meistens zusammen mit einer reichlichen Auswahl an Kinderspielzeug unter der Couch und da die Fenster längst wieder geputzt hätten werden müssen, schaut auch die Sonne nur vorsichtig in die Wohnung. Die Zeit, die ich benötige um den Müll rauszubringen, reicht den Kindern, um unser Wohnzimmer erneut in eine Müllhalde zu verwandeln. Die Zeitung von gestern ist zerlegt, homogen mit den Dominosteinen vermischt und gleichmäßig über den Boden verteilt worden. Mein Sohn hat eine handvoll Kaninchenfutter stibitzt und legt, während er hinter unserem freilaufenden Kaninchen herläuft, eine Spur durchs Wohnzimmer. Und während ich das Wohnzimmer wieder aufräume, denke ich an meinen Traum...was war dieser Traum schon im Verhältnis zur Realität? Nichts! Langweilig! Leblos!
© Shari 2000
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