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Gehobenes Management
Das Schuljahr ging dem Ende zu. Gott sei dank. Es war anstrengend gewesen, doch dank einer ärztlichen Untersuchung wußten wir jetzt wenigstens, woran wir waren: Legasthenie! Dagegen konnte man ja was machen. Und auch die Befürchtungen meiner Tochter, bei der Trennung ihrer Klasse würde sie alle Freundinnen verlieren und nur noch mit Idioten in einer Klasse sein, erwies sich als unbegründet.
Doch erst mal brauchten wir alle eine Auszeit.
Der Urlaub war schön, die Gegend, das Haus, das Wetter...es passte alles. Doch nach drei Wochen mussten wir zurück in den Job und die Kinder hatten immer noch 3 Wochen Ferien. Langsam schlich sich dann auch so eine Art „dekadente Faulheit“ ein. Die Kinderzimmer sahen aus....ein Bombenanschlag hätte es nicht schlimmer machen können. Was hatte ich letztens in einem Artikel gelesen: „Als Jugendzimmer getarnte Müllhalde“ ! Das traf es genau. Die letzten drei Wochen machten wir uns also gegenseitig das Leben schwer. Ich, indem ich mir immer neue Sanktionen ausdachte, meine Kinder, indem sie sich davon überhaupt nicht beeindrucken ließen. In der letzten Woche fiel das Ultimatum. „Entweder bis zum Wochenende sehen die Zimmer gut aus, oder: Fernsehverbot, Taschengeldkürzung, Hausarrest, zusätzliche Hausarbeit und notfalls alles zusammen. Was geholfen hatte? Keine Ahnung, auf jeden Fall waren zum Ende der Ferien die Zimmer endlich im mütterlich-ertragbaren, ja sogar mütterlich-begeisterungsfägigen Zustand. Und ich dachte mir: „Wenn jetzt noch die Schule wieder anfängt, läuft alles wieder in geordneten Bahnen!“
Am ersten Schultag war noch nicht viel los in der Schule, frühzeitig saßen wir mittags wieder gemeinsam am Tisch und ich bekam von 2 Seiten gleichzeitig Stundenpläne vorgelesen und Schulmaterial-Einkauflisten mitgeteilt.
Nachmittags haben wir einen Termin beim Zahnarzt. Ein Wackelzahn löst sich partout nicht aus seiner Verankerung und von einem Zahn ist eine Ecke abgebrochen.
Erst wird der kaputte Zahn repariert und dann mit 3 Mann Katharina überredet, auch noch den Wackelzahn ziehen zu lassen. Nur widerwillig und unter Protest willigt sie ein. Als alles überstanden ist, meine ich fröhlich: „Na, bist du nicht froh, dass du es hinter dir hast?“ „Nein,“ kommt die ziemlich schlechtgelaunte Antwort, „das vergesse ich dir nie!“
Da wir schon mal da waren, ging es noch schnell in die Apotheke... Baldrianpillen holen...bei zwei halbwüchsigen Kindern braucht man die einfach ab und an.
Katharina sieht sich im Spiegel: „Guck mal, wie ich aussehe. Total schief!“ Ich tröste sie; “Das ist nur, weil du den Tupfer noch im Mund hast, das geht gleich weg!“ „Nein! Guck doch, der Mundwinkel hängt runter. Ich sehe richtig böse aus!“ „Passt zu deiner Laune!“ rutscht es mir raus und ernte dafür einen bitterbösen Blick.
Bevor mir noch mehr rausrutschte und Katharina mich auf ewig mit Missachtung strafen würde, packte ich alle ins Auto und wir fuhren weiter, um die Schulutensilien zu besorgen. Gemeinsam mit einigen anderen standen wir in der Schlange im Schreibwarenladen, Tonnen von Büchern auf dem Arm, die einen Umschlag brauchten, eine Liste von Utensilien (DinA4 Rechenhefte mit Rand, DinA4 Schreibhefte ohne Rand, extra dicke Schreibhefte DinA4 oder DinA5 mit Rand, Hausaufgabenheft, Spitzer für dicke und dünne Buntstifte , Buskarten) und dann fiel Katharina ein: „Ich brauche noch einen Kuli oder sowas!“ Hinter uns eine Schlange bis zur Tür. „Aha! Und was genau?“ „Wie wäre es damit?“ Das „Damit“ war echt cool neonfarben, aber ein Juniorfüller...für einen Teenager von 12, fast 13, Jahren ja wohl absolut untauglich. „Wie wär’s denn mit so einem Rollerball?“ fragte ich. Und wieder klingelte die Tür und eine Mutter und ein Kind mit einem Arm voller Bücher kamen herein. „Schreibt der denn blau? Wir dürfen nur blau schreiben!“ Die nette Frau hinter der Theke baute das Teil auseinander und schaute nach. „Jawohl!“ sagte sie nach einem Blick auf die Patrone im Stift. „OK! Aber ich hätte gerne den grünen Stift!“ Silberner Stift zusammenbauen und wieder weg, grüner Stift dazu, da kommt von der anderen Seite: „Darf ich auch so einen Stift haben?“ „Nein“. Wieder geht die Türklingel. „Warum darf die Katti und ich nicht?“ „Weil du im 4. Schuljahr bist und Katti im 7. Im 4. schreibt man nun mal noch mit Füller!“ „Oh nein, einige aus meiner Klasse haben auch so einen Stift!“ ich höre den Hoffnungsschimmer in der Stimme förmlich. „Das ist mir egal. Solange du nicht besser schreiben kannst, schreibst du mit Füller. Basta!“ „Das ist gemein!“ Endlich haben wir alles und können das Geschäft verlassen. Ich atme auf...und der Rest im Laden auch!
Als wir endlich alles im Auto verstaut haben und nach Hause unterwegs sind, höre ich hinten wieder Gemoser. Christoph trauert immer noch dem Rollerball hinterher, denke ich und frage: „Was gibt es denn da hinten noch zu mosern?“ Katharina antwortet: „Er hat gesagt, mit dem dicken Heft kommt man ein Halbjahr aus!“ Es ist ja wohl nicht war: „Das ist mir egal, du kriegst kein dickes Heft, nimm die normalen, davon haben wir genug zu Hause! Muss es eigentlich wegen allem so ein Theater geben!“ Katharina fühlt sich ungerechtfertigt angegriffen: „Aber ich kann doch nicht dafür, dass der so ein Heft will, und was soll ich sagen, wenn ich mit einem normalen in die Schule komme?“ „Wieso du? Du hast doch ein Dickes! Ich rede von Christoph!“ Christoph hakt sich nun auch mal kurz ein: „Ich will doch gar kein dickes Heft!“ „Aber das hat Katharina doch eben gesagt!“ Ich bin verzweifelt, Katharina schimpft noch immer: „Nein, ich habe von Herrn Wagner gesprochen!“ „Bitte???“ Mir platzt langsam der Kragen. „Sitzt Herr Wagner hinten im Auto und mosert??? Ich sprach von Christoph!!! Könntest du wenigstens deutlich machen, wenn du das Thema wechselst???“
Endlich sind wir zu Hause. Ich räume die Sachen weg und schicke die Kinder aus meiner Reichweite.
Dann rufe ich beim Hautarzt an, um einen Nachmittagstermin für Christoph zu machen. Er hat plötzlich Probleme mit der Kopfhaut...das muss schnell behandelt werden, aber möglichst nicht vormittags, weil er jede Schulstunde bitter nötig hat. Vormittags kann man ohne Termine hin, nachmittags nur mit...und das erst in 1 Monat. Das ist mir zu lang, also studiere ich den Stundenplan, um mir einen Tag auszusuchen, wo er nicht so viel verpasst. Freitag! Freitag ist gut, da würde er nur Kunst verpassen. Ich muss das allerdings noch irgendwie der Lehrerin beibringen, aber ich muss eh noch hin: es ist mal wieder ein Gespräch fällig! Hatte sie Christoph einen Termin genannt?? Ich frage ihn! „Ja, du sollst am Freitag nach der Schule zu ihr kommen!“ Klar, wann sonst. Immer wenn ich denke, jetzt habe ich alles im Griff, kommt irgendetwas dazwischen. Da werde ich dann wohl doch erst nächste Woche zum Arzt fahren. So kann ich auch darüber erst noch mit der Lehrerin reden.
Endlich sitzen die Kinder an ihren Hausaufgaben, ständig fragt einer. „Haben wir eine Karte von Deutschland? Wie heißt die Hauptstadt von Kanada? Welche Stadt liegt 43°N 12°O? Wie schreibt man Ottawa?“ Beide scheinen Erdkunde zu machen. Da klingelt das Telefon. Meine Schwägerin ist dran. Sie hat sich ausgesperrt. Also fahre ich mit unserem Schlüssel von ihrem Haus rüber, um ihr die Tür zu öffnen. Einerseits schön, aus dem Genörgel und Generve mal rauszukommen, andererseits muss ich schnell wieder zurück, sonst werden die Hausaufgaben nur halbherzig und möglichst schnell erledigt.
Irgendwann abends: die Kinder liegen endlich im Bett, der Tag und all seine Probleme sind mal wieder irgendwie geregelt! Jetzt ein Bier und dann auf die Couch! Und dann 8 Stunden Zeit, bis zum nächsten Manager-Dienst!
(c) Shari 2001
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