Meine Inspiration
 

„Haben Sie sich eigentlich schon mal überlegt, wie die Zukunft Ihrer Kinder aussieht?“Ein junger Mann steht vor der Tür. Er ist adrett angezogen, glatt rasiert und sehr höflich. Ich könnte ihn  mir als Schwiegersohn gut vorstellen, aber was er von mir will, weiß ich nicht. „Mama, Mama, Christophs Finger steckt im Abfluß fest!“ Meine Gedanken schweifen von der Zukunft meiner Kinder zu ihrer Gegenwart. „ Einen kleinen Augenblick!“ vertröste ich den jungen Mann und renne ins Badezimmer. Mit etwas Seife ist das Problem schnell behoben und meine Kinder, beide mit Tränen in den Augen, verschwinden im Kinderzimmer. Ich eile wieder zu meinem  netten Besuch an der Tür, aber irgendwie habe ich den Faden verloren: „Wie war noch ihre Frage?“. Geduldig wiederholt er sie und fügt hinzu: „Nicht immer werden sie ihnen helfend zur Seite stehen, aber wie sieht die Welt wohl  aus, wenn sie einmal alleine damit fertig werden müssen?!“. Zustimmend nicke ich, obwohl ich nicht weiß, was ich zustimme. Ich weiß auch noch nicht, ob der junge Mann mir eine Versicherung ( „Mit dieser Versicherung können Sie der Zukunft beruhigt entgegen schauen!“ ), ein Zeitschriftenabonnement ( „In dieser Zeitschrift finden Sie alles wissenswerte über die Erziehung von Kindern!“ ) oder eine neue Glaubensrichtung ( „Wir glauben, dass Gott seine  Jünger auch aus einem dunklen Tal herausführen wird!“ ) anbieten will. Interessiert warte ich, was kommt. Oben poltert etwas. Entweder eine Kiste mit Spielsachen ist vom Schrank gefallen oder für eines der Kinder hätte sich das  mit der Zukunft schon erledigt. Ich halte den Atem an, doch ein zweistimmiges Geschrei zeigt mir, dass ich mir weiterhin Sorgen um die Zukunft meines Nachwuchses machen muss. „Tja,“ sage ich „ das weiß man nie! Vielleicht hätten wir besser keine Kinder in diese Welt gesetzt. Aber meine Mutter sagte immer: Sogar 1944 wurden noch voller Hoffnung Kinder gezeugt!“ Der junge Mann sieht mich vorwurfsvoll: „Sollten wir uns nicht von den Vorstellungen  unserer Eltern zu lösen!“, doch dann wird sein Blick milde: „Aber schon Freud wußte um die enge Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern, die auch durch das Durchtrennen der Nabelschnur nicht gelöst wird! Wir sollten jedoch in der heutigen Zeit die naiven Ansichten unserer Vorfahren...“. „ Mama, das Becken läuft über!!“ Ohne mich zu entschuldigen entschwinde ich wieder Richtung Badezimmer, um zu retten, was noch zu retten ist. Die nassen Kinder ziehe  ich aus und wickle sie in ein Handtuch. Mit einem weiteren Handtuch verhindere ich, dass das übergelaufene Wasser das Badezimmer verläßt. Dann sehe ich nach dem jungen Versicherungs-Zeitschriften-Glaubensvertreter. Er steht an  der Tür und wirkt etwas verzweifelt. „ Nun, ich sehe, ich habe einen schlechten Tag erwischt. Vielleicht sollte ich an einem anderen Tag....“ von oben ertönt wieder Geschrei, aber nichts, was über normalen Standard hinaus  ginge, also antworte ich entspannt: „Nein, nein, Sie haben schon einen guten Tag erwischt, denn heute sind keine Freunde meiner Kinder zu Besuch. Dann geht es nämlich immer etwas chaotisch zu bei uns!“ Ich lächle ihn freundlich an und erwarte weitere inspirierende Fragen von ihm, doch plötzlich wird er etwas hektisch: „Nun ja, gnädige Frau, ich glaube, ich habe Sie lange genug aufgehalten und ich muss jetzt auch langsam weiter. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Er deutet eine kleine Verbeugung an und entschwindet. Schade, ich hätte gerne etwas mehr über die Zukunftsaussichten meiner Kinder erfahren.

© Shari 2000